»Faster, Baby, faster – this is journalism!«
Sie führen Journalist*innen durch Kriegsgebiete, vermitteln Kontakte und tragen Verantwortung in lebensgefährlichen Situationen: Fixer*innen prägen unsere Wahrnehmung vom Krieg in der Ukraine, bleiben aber meist unsichtbar. »Making the Story« von Futur3 erzählt ihre Geschichte. Lesen Sie hier Hintergründe über die Produktion und ein Interview mit den Theatermachern André Erlen und Stefan H. Kraft.
– 27. Juli 2026

Sogenannte Fixer*innen sind die Schnittstelle zwischen der internationalen Presse und der ukrainischen Bevölkerung. Sie organisieren beispielsweise Reisen für die Medienschaffenden und schätzen die Gefahrenlage in den jeweiligen Gebieten ein. Sie kennen auch die kulturellen Codes der Ukraine, stellen Kontakt zu Betroffenen des Kriegsgeschehens her und übersetzen Gespräche. Sie sprechen in der Regel gut Englisch und haben ein prall gefülltes Adressbuch. In ihrer Arbeit navigieren sie stets in einem Interessenkonflikt zwischen der Agenda der internationalen Medienschaffenden und den Anliegen der Gesprächspartner*innen. Die Betroffenen vertrauen den Fixer*innen, dieses Vertrauen gilt es, nicht zu verspielen.
Im Krieg in der Ukraine sind es die Fixer*innen, die den Medien einen Zugang zur Berichterstattung überhaupt erst möglich machen. Ihre Sprach- und Ortskenntnis sind für den internationalen Journalismus im unübersichtlichen Kriegsgeschehen unverzichtbar. Dennoch arbeiten sie oft alleine und unter prekären Bedingungen. Wenn es um die Sichtbarmachung ihrer Arbeit in den Redaktionen geht, kommt es häufig zu Konflikten. In der Regel sind Fixer*innen keine ausgebildeten Journalist*innen, empfinden sich jedoch nicht nur als lokale Hilfskräfte, sondern vielmehr als »Producer«. Denn letztlich sind sie an der Entstehung einer Geschichte, die später in die Welt gesendet wird, maßgeblich beteiligt. Wenn die Journalist*innen den Kriegsschauplatz wieder verlassen und zu Hause Anerkennung für die mutige Berichterstattung erhalten, bleiben die Fixer in der Ukraine zurück – mit ihrem Stress, ihren Erlebnissen und Traumata.
Was treibt sie trotz der gefährlichen Frontline-Erfahrung an, den nächsten Job anzunehmen? Was motiviert sie? Und welche Spuren hinterlässt die Konfrontation mit Tod und Gewalt? Im April 2024 ist Futur3 für eine Recherchereise in die Ukraine gefahren, um genau das herauszufinden. Getroffen haben sie Menschen, die voller Energie und mit teils schwarzem Humor den radikalen Umwälzungen ihres Lebens trotzen. Da ist zum Beispiel Rita, die mal Schauspielerin war, lange als Fixerin arbeitete und jetzt als Soldatin mobilisiert wurde. Ihr Hund Bells ist auf vielen der Bilder von Butscha zu sehen, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben. Oder Marichka, die ihren sicheren Job in der Bank aufgab und schon seit 2014 dabei ist. Einige ihrer Geschichten sind lustig und absurd, andere erzählen von sexuellen und psychischen Übergriffen. »Making the Story« berichtet auch von Konstantyn, der vor dem Krieg einen erfolgreichen Youtube-Kanal betrieb und seine Berühmtheit jetzt für seine Arbeit als Fixer zu nutzen weiß, oder Oksana, die u. a. Schauspielerin und Managerin in einem Techno-Club war, den Stress jetzt mit übermäßigem Essen und Antidepressiva kompensiert und sich fragt, warum in der Berichterstattung nie Platz für die Geschichten von den Haustieren der Betroffenen ist.
Grundlage der Stückentwicklung bildeten nicht nur Interviews mit Fixer*innen, sondern auch mit Journalist*innen. Sie verbindet eine besondere Beziehung, gleichzeitig haben sie unterschiedliche Perspektiven auf die Produktion und Inszenierung von Geschichten. Sichtbar wird das insbesondere in den USA, wo eine Familie den TV-Sender Fox News verklagt. Ihre Tochter, Sasha Kuvshynova, begleitete das Team als Fixerin in der Ukraine. Sie fuhren trotz negativer Sicherheitseinschätzung in ein Gebiet in der Nähe von Irpin und wurden durch eine russische Rakete getroffen. Sasha und der Kameramann starben. Der Journalist verlor beide Beine und kehrte in die USA zurück, wo nun ein erbitterter Streit um die »wahre« Narration des Vorfalls entbrennt.
Basierend auf Erfahrungsberichten widmet sich Futur3 einem Berufsfeld, das in der Berichterstattung häufig ungesehen bleibt, und untersucht Fragen rund um Arbeitsethos, Sicherheitsaspekte, Wertschätzung und postkoloniale Strukturen im Krieg.


Fünf Fragen an André Erlen und Stefan H. Kraft von Futur3:
Was hat euch persönlich dazu bewegt, den Fixer*innen – einem oft unsichtbaren, aber essenziellen Berufsfeld der Kriegsberichterstattung – ein eigenes Theaterprojekt zu widmen?
Futur3: Wir haben in vielen Gesprächen erlebt, wie ukrainische Theaterkolleginnen auf einmal in die unfassbare Situation dieses Krieges geworfen wurden, und wie sie darauf reagiert haben. Einige sind direkt in die Armee gegangen, einige sind vor dem Krieg geflohen und einige sind Fixerinnen geworden. Das Ausmaß dieser Entscheidungen hat uns sehr berührt und fasziniert! Uns war sehr schnell klar: Darüber MÜSSEN wir ein Stück machen.
Wie haben die Recherchereise in die Ukraine und die Gespräche mit Fixer*innen und Journalist*innen eure Sicht auf Verantwortung, Risiko und Ethik im Erzählen verändert?
Futur3: Uns wurde während der Recherche immer klarer, dass in so einer existentiellen Situation alles Unwichtige immer weiter wegfällt, und genau diese grundlegenden Fragen ins Zentrum allen Handelns rücken. Das hat uns bei den Begegnungen mit den Fixer*innen auch so beeindruckt, die wir im April 2024 in der Ukraine interviewt haben: Sie wollen unbedingt, dass über diesen Krieg berichtet wird! Die Welt muss wissen, was da passiert, mit welcher Rücksichtslosigkeit und Brutalität Russland diesen Krieg führt. Die Medien wollen harte und berührende Stories darüber – und die Fixer*innen stehen zwischen den Interessen der Journalist*innen und der internationalen Medien und denen ihrer Landsleute. Wie weit dränge ich die Mutter eines Kindes, das im Krieg getötet wurde, dazu, sich zu öffnen? Diese Geschichte immer wieder zu erzählen? Ein Foto des Kindes vor der Kamera anzuschauen? Wie weit überrede ich da, übe vielleicht sogar Druck aus? Das sind grundlegende ethische Fragen – aber auch die großen Fragen nach der Qualität und Integrität von Journalismus. Und dieses Spannungsfeld ist unfassbar groß.
Im Stück geht es auch um die teils spannungsreiche Beziehung zwischen Journalist*innen und Fixer*innen. Welche dramaturgischen Entscheidungen habt ihr getroffen, um diese unterschiedlichen Perspektiven sichtbar zu machen?
Futur3: Wir haben mit fünf Journalist*innen gesprochen, vom Guardian, vom WDR, von französischen TV-Kanälen und einer Freelancerin, die alle sehr hohe ethische und journalistische Standards hatten, das war beeindruckend. Wir haben aber auch Stories über absolut zynisches und ekelhaftes Verhalten von Journalist*innen gehört. Tatsache ist: Die meisten (nicht alle!) gehen danach wieder nach Hause, ins sichere London, Köln oder Paris – und die Fixer*innen bleiben im Krieg. Wir haben versucht zu zeigen, dass diese Welten verschiedene sind.
Der reale Fall einer getöteten ukrainischen Fixerin, der aktuell in den USA juristisch nachwirkt, berührt Fragen von Schuld, Sicherheit und postkolonialen Strukturen. Wie fließen solche aktuellen politischen Dimensionen in eure Inszenierung ein, ohne zu vereinfachen?
Futur3: Das ist die schwierige, schöne und große Aufgabe von Theater. Dazu muss man »unter die Haut« eines komplexen Phänomens kriechen und Muster herausarbeiten, die man in einem Essay so nicht behandeln könnte. Und dann durch die vielen Bedeutungseben, die wir gleichzeitig bespielen können, eine Art der tieferen Wahrheit aufzeigen. Dafür haben wir in diesem case auch zu starken theatralen Mitteln gegriffen.
Die Produktion arbeitet mit Übertiteln in Ukrainisch und Englisch und kooperiert international. Welche Rolle spielt Mehrsprachigkeit – auch im übertragenen Sinne – für die ästhetische und politische Wirkung des Stücks?
Futur3: Der ganze Arbeitskontext der Fixerinnen ist total international, denn Medien aus der ganzen Welt berichten aus der Ukraine. Und wir haben gerade eine Einladung zu einem Festival in Prag bekommen. Dieses Thema ist kein ukrainisches Thema, es geht uns alle an! Genauso, wie die anderen Kriege auf der Welt. Der Krieg in der Ukraine berührt uns von Futur3 deshalb besonders, weil wir schon vor 2014, also der Okkupation der Krim, mit ukrainischen Künstlerinnen zusammengearbeitet haben und in ständigem Austausch stehen.
Das Interview führte Ines Langel vom Orangerie Theater Köln.
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Das asphalt Festival 2026 zeigt »Making the Story« am 29. Juli in der asphalt Halle_12 auf dem Gelände der Alten Farbwerke.











