Ein Gebäude, das sich selbst vergisst
Die Mixed-Reality-Performance »AUFLÖSUNG. Ein virtueller Kontrollverlust« des vielfach preisgekrönten Künstlerduos DARUM bietet ein völlig neues Performing-Arts-Erlebnis. Zwei Drittel der Produktion erlebt das Publikum in Virtual Reality. Wie ist das Stück entstanden, was erwartet die Besucher*innen? Fünf Fragen an Victoria Halper und Kai Krösche.
– 19. Juli 2026



Was war der Ausgangspunkt für »AUFLÖSUNG«, was hat euch zum Thema inspiriert?
Als wir im Rahmen der Recherche zu unserem Stück »Heimweh« (2022) mit einer Historikerin jener Kommission sprachen, welche damals die Verbrechen an zigtausend Kindern und Jugendlichen in österreichischen Kinderheimen historisch aufbereitet hatte, sprach diese nebenbei an, dass im Bereich der Kranken- und Altenpflege aller Voraussicht nach der nächste große Skandal unserer Zeit lauere. Diese Aussage hat uns nicht losgelassen, weshalb wir uns entschieden, einen Abend über die – fast alle betreffende – Frage zu machen, was es bedeutet, am Ende seines Lebens auf die Hilfe und Zuwendung anderer, oft Fremder, angewiesen zu sein, und gleichzeitig einem System ausgeliefert zu sein, das zunehmend überfordert ist und an dessen Ende aufgrund von Ressourcendruck – insbesondere im kommerziell orientierten privaten Sektor – mehr die Verwaltung von Menschen als der Mensch selbst in den Mittelpunkt geraten. Schon früh stand fest, dass wir uns dem Thema wieder mittels Virtual Reality nähern wollen, um mit dessen Mitteln ein sich auch architektonisch in Auflösung befindendes System künstlerisch schaffen zu können.
Für die konkrete »Story« wurden wir schließlich von drei Dingen inspiriert: Einmal Artikeln über plötzliche Schließungen privater Pflegeheime, die aufgrund von Misswirtschaft und/oder großen Mängeln teils von heute auf morgen geschlossen wurden – was teils dazu führte, dass alte Menschen binnen kürzester Zeit und unter hohem Druck einen alternativen Pflegeplatz finden mussten. Zweitens der Umstand, dass Virtual Reality auch zunehmend in der Altenpflege im Rahmen sogenannter Biografiearbeit eingesetzt wird: Ein Einsatz, den wir prinzipiell erstmal unproblematisch finden, der aber natürlich steht und fällt mit der Qualität der dringend nötigen Vor- und Nachbetreuung (die dystopische Vorstellung von in der VR »abgestellten« Menschen hat uns nicht losgelassen). Schließlich die Mechanismen von Demenz, aus denen heraus sich die Idee eines sich »selbst vergessenden«, ständig in Veränderung befindlichen Gebäudes entstand, welches das räumliche Setting von »AUFLÖSUNG« bildet. Entsprechend folgt auch die Dramaturgie des Abends keiner linearen Struktur, sondern funktioniert mehr assoziativ und bewusst inselhaft.
»AUFLÖSUNG« bewegt sich zwischen Performance, Installation sowie Virtual und Mixed Reality. Was eröffnet euch diese Verbindung der Medien für eure künstlerische Arbeit?
Die Unmittelbarkeit und scheinbare »Liveness« von Virtual Reality bietet sich in unseren Augen gut an für eine Verknüpfung mit performativen und installativen Elementen. Ganz konkret eröffnet die Virtual Reality eine Befreiung von den räumlichen und budgetären Einschränkungen, die selbst die Realität der größten und bestdotierten Theater mit sich bringt: Wenn man von den leistungsbedingten Grenzen der Hardware einmal absieht, ist hier nur die eigene Fantasie der beschränkende Faktor. Außerdem ist es in unseren Augen das logische Medium, wenn man etwas über die Illusion von Anwesenheit bei tatsächlicher Abwesenheit erzählen möchte. »AUFLÖSUNG« handelt ja auch ganz stark von Mechanismen, die (menschliche) Nähe suggerieren, aber eigentlich durch Automatisierung an Maschinen auslagern – Mechanismen, die im Pflegealltag ja bereits zum Teil ausprobiert werden.
Nach »[EOL]. End of Life« ist »AUFLÖSUNG« eure zweite Arbeit mit VR. Was nehmt ihr aus der früheren Produktion mit und was wolltet ihr diesmal anders denken oder weiterentwickeln?
Wir haben den Anspruch, nichts zweimal zu machen, da wir es langweilig finden, uns zu wiederholen. Dennoch finden sich natürlich Elemente unserer früheren Arbeiten auch in »AUFLÖSUNG« wieder. Vor allem in Bezug auf Publikumsführung konnten wir durch die vielen Vorstellungen von »[EOL]. End of Life« Erkenntnisse gewinnen, die in Teilen auch in die Entwicklung von »AUFLÖSUNG« flossen. In Teilen deshalb, weil wir diesmal bewusst von den nur knapp 10 m² großen, individuellen Spielflächen weggegangen sind zugunsten einer fast 20-mal so großen Spielfläche, die deutlich weitere Strecken und Bewegungen zulässt, aber auch ganz eigene Herausforderungen, technisch wie dramaturgisch, mit sich bringt. Außerdem holen wir bei »AUFLÖSUNG« grafisch nochmal mehr aus den Geräten heraus als bei »[EOL]. End of Life« – auch wenn das ja erstmal nur die schöne Oberfläche ist.
Was waren die größten Herausforderungen im Entstehungsprozess von »AUFLÖSUNG«?
Technisch definitiv die sichere und verlässliche Publikumsführung durch verschiedene Räumlichkeiten hinweg, ohne dass das Tracking verloren geht und die Grenzen der Virtual Reality plötzlich nicht mehr mit jenen im echten Raum übereinstimmen. Man würde meinen, dass die Hardwaresysteme hierfür besser ausgelegt wären, tatsächlich ist der Prozess aber extrem sensibel und fehleranfällig, insbesondere in sehr gleichmäßigen Räumen, in denen optisch wenig Abwechslung herrscht. Allein das zum Laufen zu bringen hat enorm viel Zeit in Anspruch genommen. Dann kommt noch hinzu, dass auf jede Stunde, die man in künstlerische Arbeit steckt, etwa drei Stunden kommen, in denen man ausschließlich mit dem Beheben technischer Probleme befasst ist. Das fühlt sich dann manchmal so an, als würde man Theater machen und müsste vor jeder Beleuchtungsprobe erstmal das Lichtpult reparieren.
Was wünscht ihr euch, worüber die Besucher*innen nachdenken, wenn sie das Stück verlassen – oder währenddessen?
Wie alle unsere Produktionen sehen wir auch »AUFLÖSUNG« als ein Angebot ans Publikum, sich möglichen eigenen Ängsten und Verantwortungen zu stellen: Was wünsche ich mir für mein Lebensende? Welche persönlichen Erinnerungen sind mir persönlich wichtig und/oder lieb und was wird aus ihnen, wenn ich selbst schon gestorben bin? Wie kommt es, dass für etwas, das potentiell jedes einzelne Mitglied dieser Gesellschaft betrifft, die Ressourcen fehlen? Sind Automatisierungen in Bereichen der Betreuung und Pflege gut, schlecht oder besser als gar nichts? Und machen mir Fragen dieser Art Angst – und wenn ja, wieso?
Die Fragen stellte Dramaturg Flori Gugger vom Festival brut Wien.
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Das asphalt Festival 2026 zeigt »AUFLÖSUNG« vom 23. Juli bis 26. Juli in der asphalt Halle_12 auf dem Gelände der Alten Farbwerke.











