Ein Lichtsignal in finsteren Zeiten
Sasha Marianna Salzmann hat am 15. Juli 2026 das 14. asphalt Festival mit einer sehr berührenden, kraftvollen und zugleich poetischen Festivalrede eröffnet. Was ist die Rolle von Theater, Tanz und Poesie in Kriegszeiten? Wie werden die Schrecken unserer Zeit in der Kunst reflektiert, wie schreiben sie sich dort fest und was kann die Kunst der Dunkelheit entgegensetzen? Wir dokumentieren die Rede im Wortlaut.
– 15. Juli 2026

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heute Abend, meine Freunde, gehe ich früh zu Bett,
denn die Dunkelheit ist zu dicht, ich versuche,
anders als in Träumen üblich, mich nicht
von Wellen tragen zu lassen noch nach meinem Schlüssel
zu fahnden, ich glaube, ich versuche zu schlafen,
wie Kinder es tun


Diese Zeilen der Dichterin und Malerin Etel Adnan entstanden 2003, während die USA den Irak bombardierten. Etel Adnan, in Beirut geboren, Tochter einer Griechin und eines Syrers, pendelte ihr ganzes Leben zwischen Libanon, Frankreich und den USA. Als die Bomben auf Bagdad fielen, lebte sie in Kalifornien und versuchte, wie sie schreibt, nicht vor Wut zu sterben. Das Gedicht, aus dem die gerade zitierten Verse stammen, beginnt mit den folgenden Zeilen:
Ich wäre gern ins Eckcafé gegangen,
um zu sehen, wie die Kälte vorbeidefiliert, während ich
im Warmen bin, oder auch, um jemanden zu lieben …
aber Bomben regnen auf Bagdad herab
Damals, 2003, entstanden eine ganze Reihe von Gedichten, die ich zwanzig Jahre später in dem Band »Zeit« las. Ich war verzweifelt und ratlos, ich suchte nach irgendeiner Form der Orientierung, wahrscheinlich nach Trost, und ich klammerte mich an Etel Adnans Verse. Es war wenige Wochen nach dem 7. Oktober 2023, die Bodenoffensive der israelischen Armee hatte bereits begonnen. Ich zählte die Toten in Gaza, wiederholte die Namen der israelischen Geiseln wie ein Mantra und lernte Adnans Gedichte auswendig. Ich suchte nach weiteren Gedichten gegen Krieg, bei Serhij Zhadan, bei Athena Farroukhzad. Sprach sie mir laut vor, nahm sie für Freund*innen auf, die selbst oder deren Familien unter Beschuss lebten.
Die Freund*innen schrieben zurück, die Aufnahmen würden ihnen ein wenig Erleichterung verschaffen. Oder schickten ein Emoji. Oder schwiegen. Aber auf diese Weise hielt ich Kontakt in einer, wie mir schien, uns einhüllenden und immer dichter werdenden Dunkelheit. Ich hatte Angst, bei all dem Dröhnen der Kriege um uns herum, den Bezug zu den Einzelnen zu verlieren, Menschen als Menschen zu denken und nicht nur als Stellvertreter*innen für die Krisen und Katastrophen, die sie durchleben. Niemand ist nur Überlebender, niemand ist nur ein Opfer. Und in der Kunst, scheint mir, finden wir diese Komplexität wieder, dort begegnen wir der individuellen Geschichte in jener Widersprüchlichkeit, die dem menschlichen Leben gerecht wird. Mit der Kunst verharren wir auf der Seite des gelebten Lebens. Sie hilft uns dabei, nicht unterzugehen in Schreckensmeldungen, Statistiken und Todeszahlen. In der Abstraktion.
In einem Gedicht, in einem Theaterstück, in einem Roman bestaunen wir das Glück des Einzelnen oder beweinen sein Leid. Nicht das einer Gruppe, nicht das eines Volkes. Was uns verbindet, sind nicht die gleichlautenden Einträge in den Pässen und Geburtsurkunden. Uns verbindet, dass wir alle Freude und Schmerz empfinden können. Dort treffen wir uns, in den Emotionen. Und kaum ein Ort scheint mir dafür geeigneter zu sein als das Theater. Eingerichtet, damit wir zusammen fühlen können, während wir finstere Zeiten durchschreiten.
»Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten«, heißt es immer wieder in Bertolt Brechts Gedicht »An die Nachgeborenen«. Das ist die Gewissheit, die uns auch heute wieder alle eint. Auch wenn wir diese sehr unterschiedlich erleben und sehr unterschiedliche Konsequenzen aus ihr ziehen mögen.
Dass ich meinen Freund*innen in Not Gedichte aufnahm, war meine Art zu sagen: Ich kann deinen Schmerz nicht lindern, aber ich bin da. Trotz der Finsternis kann ich dich sehen. Als würde ich Lichtsignale senden. Das begriff ich, als ich neulich durch eine Ausstellung im Berliner Schloss Bellevue geführt wurde. Das Gebäude, Sitz des Bundespräsidenten, ist dringend sanierungsbedürftig. In den letzten beiden Wochen, bevor das Schloss endgültig (für viele Jahre) geschlossen wurde, der Bundespräsident war schon ausgezogen, durften Künstler*innen die nun leeren Räume bespielen. Der Videoartist Bjørn Melhus nahm sich die Fenster des Obergeschosses vor und installierte dort ein Lichtsignal. Drei kurze Lichter, drei lange, wieder drei kurze. Also: SOS. Der Kurator der Ausstellung erzählte, seit Tagen riefen alarmierte Berliner Bürger*innen an, die abends am Schloss vorbeikamen, in die Fenster blickten und glaubten, der Bundespräsident versuche ihnen etwas zu sagen. Und in der Tat – die Installation ist ein Ruf nach Hilfe. Die Licht gewordene Verzweiflung eines Künstlers, der ein Signal schickt. Seine Installation an diesem bedeutungsschweren Ort in Berlin wirkte, als würde die Demokratie selbst, in den heißen Sommernächten im Juni 2026, um Hilfe schreien.
Ich stellte mir das Licht in den Fenstern vor und dachte: Vermutlich ist es das, was ein Kunstwerk immer macht. Ein Lichtsignal zu senden. Und im besten Fall verbindet sich dieses Licht mit jenem anderer Kunstwerke und anderer Künstler*innen, über Ländergrenzen und über Generationen zu einem gemeinsamen strahlenden Körper. Und sein Puls hat diesen Beat: Drei kurze Lichter, drei lange, wieder drei kurze.
So leuchteten die Gedichte, die ich für Freund*innen aufnahm zu mir hindurch aus anderer Zeit und so wollte ich sie weitergeben, wie Morsezeichen. Damit habe ich bis heute nicht aufgehört. Es gab genug Anlässe. Nur geriet dieser Puls unlängst ins Stocken, ich konnte ihn noch sehen, aber inmitten der unaufhörlichen Berichte über Zerstörung, Hunger, Massenmord, den Wahnsinn unserer Politik, ist mir die Kraft ausgegangen. Ich hatte noch so viele Zeilen in mir, aber sie waren wie Leuchtkäfer in einem Einmachglas. Der Deckel war zu. Sie konnten nicht nach draußen gelangen. Ich musste an einen Auftritt der Lyrikerin Athena Farroukhzad denken, bei dem sie eine andere Dichterin zitierte, nämlich Adrienne Rich, mit dem folgenden Satz: »There must be those among whom we can sit down and weep, and still be counted as warriors.«
Und wo geht es am besten, zusammenzusitzen und zu weinen und trotzdem als Kämpfer*innen zu gelten? Im Theater. Also ging ich hin. Ins Berliner Maxim Gorki.
Nach der Vorstellung saß ich mit der Choreografin und Tänzerin Modjgan Hashemian im Garten zusammen. Von ihr habe ich vor vielen Jahren das Tanzstück »Don’t Move« gesehen. Ein Abend darüber, dass der Tanz in Iran verboten ist. Vor allem für Frauen. In der Ankündigung hieß es damals: So ist das Leben in Teheran. Du läufst nicht in der Stadt, Du bewegst Dich nicht, Du gebrauchst Deine Beine nicht. Am Ende wirst Du diese Person ohne Beine. … Es gibt dieses Gerücht, dass die Erde der Stadt mehr Anziehungskraft hat als anderswo, wir nennen es »schwere Erde«.
Ich erzählte Modjgan an jenem Abend, dass ich bald ein anderes Tanzstück sehen würde, »This is not a dance« von Nastaran Razawi Khorasani – mit dem dieses Festival heute eröffnen wird – das, ähnlich ihrer Arbeit von damals, sich mit dem Tanzverbot in Iran auseinandersetzt. Und Modjgan strahlte mich an und sagte sinngemäß: »Siehst du. Es wird immer weitergehen. Wir knüpfen alle gemeinsam an diesem Teppich. An einer gemeinsamen Erzählung. All die Massaker, all die Unterdrückung. Aber wir tauchen mal hier, mal da auf und erzählen unsere Geschichten. Und solange wir das tun, wird es auch uns weiter geben.«
Modjgan Hashemian lebt in Berlin, Nastaran Razawi Khorasani in Rotterdam. Auf der ganzen Welt, so stelle ich es mir vor, erklingt diese widerständige Erzählung von Menschen, die den rigiden politischen Systemen widersprechen. Indem sie Zeugenschaft ablegen und indem sie Schönheit produzieren. Sie stellen sich der Diktatur, dem Autoritarismus, dem Unrecht entgegen mit ihrem Lichtpuls.
Nachdem die Geschichtsbücher umgeschrieben sind und die Tagesnachrichten nicht mehr davon berichten, wird die Erinnerung an die Verbrechen, an das Unrecht in Kunstwerken wiederzufinden sein. In einem Gedicht, in einem Tanz, in der Zeile eines Theaterstücks.
Es sind Künstler*innen, die dafür sorgen, dass die Namen jener bleiben, die aus den gängigen Narrativen entfernt werden.
Neulich, im Garten des Gorki Theaters, klopfte sich Modjgan Hashemian energisch die Hände an ihrer Jeans ab, stand auf und bevor sie ging, zitierte sie einen griechischen Dichter, Dinos Christianopoulos, sie sagte zum Abschied: »Was tun sie nicht alles, um uns zu begraben. Sie haben vergessen, dass wir Samen sind.«
Modjgans Energie brachte auch mich auf die Beine. Ich dachte an den Namen des Festivals, das heute hier eröffnet wird. Und plötzlich hatte ich das Bild einer aufgerissenen Straße vor Augen, und wie sich das, was wir gerne als Unkraut bezeichnen, zwischen den Rissen des Asphalts ans Licht drängt.
»Eine Sonnenblume birst durch den Boden.« So lautet eine Regieanweisung in dem Stück »Gesäubert« der Dramatikerin Sarah Kane. Es ist vielleicht ihr kompromisslosester Text. Kane hat den Bühnenraum alle denkbaren Extreme abgefordert. Und sie bestand darauf, dass auf der Bühne alles möglich sein muss. Alles möglich gemacht werden muss. Denn Theater ist der Ort, an dem wir unsere Vorstellungskraft üben. Der Ort, an dem auch eine Utopie Wirklichkeit werden kann. Ich bin mir sicher, die Macher*innen, deren Werke wir in den nächsten Tagen sehen, teilen diese Auffassung: Die Imagination bahnt sich ihren Weg ans Licht, bricht den Boden auf. Den Asphalt. Weil wir Samen sind. Beharrlich arbeiten wir uns durch die »schwere Erde«. Durch die Dunkelheit.
Und weil das so ist, braucht die Kunst nicht notwendigerweise ein schönes Theatergebäude, um stattzufinden. Während dieses Festivals sehen wir Abende im Industriegelände, in Museen, Kirchen, Privaträumen, Bürohäusern und im öffentlichen Raum. Wir können uns glücklich schätzen, denn diese Räume sind unversehrt. Aber Kunst findet auch in Schützengräben statt, in kaum mehr intakten Krankenhäusern, in Ruinen zerbombter Städte. Und ich versuche mir vorzustellen, dass das, was in den nächsten Tagen hier auf den Bühnen Düsseldorfs passieren wird, sich mit Kunstwerken auf der ganzen Welt verbindet.
Stellen Sie sich vor: Jetzt, in diesem Moment, tanzt jemand in Rafah, in Khartum, in Isfahan, in Odessa. Auf improvisierten Bühnen, auf freiem Feld, auf aufgerissenen Straßen.
Verstehen Sie mich bitte richtig, ich glaube nicht, dass es die vorrangige Aufgabe der Kunst ist, Widerstand zu leisten. Ich weiß schon: Nicht jedes Kunstwerk schreit SOS. Und ich halte es für fragwürdig, der Kunst etwas abzuverlangen, was zuvorderst die Politik und die Zivilgesellschaft leisten müssen. Der Kampf um unsere Demokratie wird nicht auf Theaterbühnen gewonnen werden.
Umso mehr müssen wir in diesen Zeiten darum kämpfen, die Freiheit und Unabhängigkeit der Theater zu garantieren, denn Kunst kann nur dann gelingen, wenn sie sich nicht in Dienst nehmen lässt und sich keiner politischen Doktrin beugt.
Und doch muss ich immer, wenn ich ein Theater betrete oder für eines schreibe, bedenken, dass Theater qua Form die politischste aller Künste ist. Weil man die Polis einlädt, zusammenzukommen. Weil Sie alle anwesend sind. Weil wir Raum und Zeit teilen. Weil Theater immer nur im Plural existiert und jedes Theaterhaus eine Gesellschaft im Kleinen repräsentiert. Oder zumindest die Vision einer Gesellschaft, wie wir sie uns denken.
Dieses Festival beginnt heute im Dunkeln: Das Tanzstück This is not a dance von Nastaran Razawi Khorasani wird das Licht aussparen. Gleichzeitig findet Florentina Holzingers A Year without Summer statt. Der Ausgangspunkt dieser Performance ist die Erinnerung an jenes Jahr 1816, als die Sonne von Vulkanasche verdunkelt war und die Welt in einer nicht endenden Nacht versank. Trotzdem wird dieser Abend heute, werden alle Abende in den nächsten Tagen leuchten. Weil sie ein Lichtpuls sind. Und sie verbinden sich mit den anderen, quer über den gesamten Globus.
Die Dichterin Maria Stepanova, die seit Putins Kriegsausweitung in der Ukraine in Deutschland im Exil lebt, wurde neulich gefragt, wie sie den Fliehkräften der Geschichte trotze. Woher sie ihre Kraft dazu nehme. Maria Stepanova antwortete: »See, we all know, that we entered the dark times. And none of us can see the light in the end of the tunnel. So, we have to make light on the way.«
Ich fragte sie, was dieses Licht auf unserem Weg durch den dunklen Tunnel sein könnte. Die Dichterin lächelte und sagte: »Well for me it is certainly a poem. Not for all of us though. But it is probably true for everyone, that other people give us light. So maybe: a good encounter.«
Womöglich ist das die beste Definition dafür, was Theater eben auch ist: eine gute Begegnung. Und die findet nicht im Raum der wohligen Selbstvergewisserung statt, sondern in jenem des produktiven Streits. Der kreativen Reibung. Im Echoraum einer Kunst, die herausfordert und mir zu einem neuen Gedanken verhilft. Zu einer neuen Emotion. Im besten Fall ertappe ich mich selbst dabei, dass ich mich auf der Seite der Gerechten gewähnt habe, wohin ich mitnichten gehöre. Weil es die Gerechten nicht gibt. Wir sind alle fehlbar. Und auch dafür ist Kunst da, uns das zu vergegenwärtigen.
Immer wieder schrieb Hannah Arendt, die Großmeisterin des produktiven Streits, über »Menschen in finsteren Zeiten«. In einem dieser Essays heißt es: »Wie sehr wir von den Dingen der Welt betroffen sein mögen, wie tief sie uns anregen und erregen mögen, menschlich werden sie für uns erst, wenn wir sie mit unseresgleichen besprechen können.«
Also: Heute Abend, meine Freunde, gehen wir nicht früh zu Bett. In dieser und in den kommenden Nächten bleiben wir lange auf, reden und streiten uns in der Kantine. Wir sehen uns wieder bei den Panels und Diskussionen. Und wenn uns einmal die Puste ausgeht, die Kraft wegbleibt und uns keine Gedichte mehr einfallen: gerade dann ist es gut, zusammen zu sein.
There must be those among whom we can sit down and weep, and still be counted as warriors.
Ich danke Ihnen.
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Sasha Marianna Salzmann ist Prosa- und Theaterautor*in, Essayist*in, Dramaturg*in und Kurator*in. Sie war Mitherausgeber*in des Kultur- und Gesellschaftsmagazins »freitext« und Hausautor*in am Maxim Gorki Theater Berlin, an dem Sasha Salzmann auch die Theaterbühne »Studio Я« leitete. Gemeinsam mit Max Czollek zeichnete sie für den Desintegrationskongress und die Radikalen Jüdischen Kulturtage verantwortlich, außerdem kuratierte sie die Festivals »Utopie Osteuropa« und »What Would James Baldwin Do?«. Salzmanns Romane und Theaterstücke sind in über 20 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Literaturhäuser, dem Hermann-Hesse-Preis, dem Kunstpreis Berlin und dem Kleist-Preis.










