Archiv 2018

»Theater ist ein Werkzeug des Widerstands«

Interview mit dem syrischen Theaterregisseur Omar Abusaada
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Wann haben Mohammad Al Attar und Du das Stück While I was waiting entwickelt und wie war damals die Situation in Syrien?

Omar: Ich begann das Stück Anfang 2015 zu entwickeln. Einige Monate später diskutierte ich die Idee mit Mohammad Al Attar und er begann mit der Arbeit am Text. Damals dauerte der Krieg in Syrien bereits vier Jahre und die gesamte Situation war sehr unübersichtlich. Ich erinnere mich, dass ich sehr durcheinander war und keine Ahnung hatte, wie es weitergehen würde.

Wie bist Du auf die Idee für das Stück gekommen?

Omar: Ich stand damals unter dem Eindruck eines realen Ereignisses, das einem Bekannten an einem Checkpoint in Damaskus widerfahren ist. Damals hatte ich die Möglichkeit, ins Krankenhaus zu gehen, um den Patienten im Koma zu sehen. Später kam mir dieses Erlebnis wieder in den Sinn und ich hatte das Gefühl, dass dieses Koma eine Metapher für die gesamte syrische Situation sein könnte. Gleichzeitig kann das Konzept des Komas sehr interessante künstlerische Anregungen bieten.

Wie ist aus Deiner Sicht der Zustand des ›Komapatienten‹ Syrien heute?

Omar: Der Komapatient steht zwischen Schlaf und Aufwachen, zwischen Leben und Tod. Ganz ähnlich wie viele Syrer, die 2011 an der Revolution teilgenommen haben. Sie waren anfangs sehr aktiv, voller Energie und Ideen, doch dann verloren sie allmählich ihre Stimme. Für mich fühlte es sich so an, als seien sie wie der Komapatient, der spürt, was um ihn herum passiert, aber nicht reagieren kann.

Würde Dein Stück anders aussehen, wenn Du es heute entwickeln würdest?

Omar: Ich habe oft überlegt, ob ich das Stück noch einmal neu konzipieren sollte, aber am Ende hatte ich nicht das Gefühl, dass ich es wirklich tun muss. Denn auch die politische Situation ändert sich sehr schnell, aber die Geschichte des Komapatienten und seiner Beziehung zu Freunden und Familie um ihn herum ist zeitlos lebendig und bedeutsam. Also ziehe ich es vor, das Stück so zu lassen, wie es ist.

Wo wohnst Du heute? Wo leben die anderen Mitglieder des Ensembles und des künstlerischen Teams?

Omar: Ich lebe immer noch in Damaskus, auch einer der Schauspieler ist noch da. Aber die anderen leben alle in Europa – in Deutschland, Frankreich, Holland.

Wie sieht die Kunstszene in Syrien aktuell aus und wie frei kann sie arbeiten?

Omar: Es gibt natürlich immer noch Künstler in Syrien. Ich glaube, dass die neue Generation, die im Krieg aufwächst, den Krieg mit Hilfe von Kunst reflektiert. Diese Stimmen sind heute noch sehr zerbrechlich, aber hoffentlich werden sie in Zukunft viel wirkungsvoller und stärker sein. Sicherlich kann man in Syrien nicht frei arbeiten, aber ich glaube, dass ein Künstler immer seinen Weg findet.

Viele syrische Künstler leben derzeit im Exil und schauen von außen auf ihre Heimat. Was unterscheidet ihre künstlerische Arbeit von der Arbeit jener, die noch im Land sind?

Omar: Die Unterschiede werden von Tag zu Tag größer. Der erlebte Alltag wirkt sich natürlich auf den Künstler aus. Er beeinflusst seine Interessen und seine Sichtweise auf die Kunst fundamental.

Was kann das Theater Deiner Meinung nach in der aktuellen politischen Situation leisten?

Omar: Ich denke, dass Theater ein wichtiges Werkzeug für den Widerstand in unserer heutigen Zeit ist. Gerade jetzt, wo nationalistische und rassistische Ideen wieder erstarken, ist Theater nötiger und wichtiger als je zuvor.

 

Das Interview führte Marita Ingenhoven.